stillen

0,,53872851-EXH,00

Juliana Paes macht’s vor. Einfach nachmachen?

Vor etwas mehr als einem Monat kam mein erstes Kind auf die Welt. Entgegen meiner wohl etwas naiven Erwartung stellte das Thema Stillen am Anfang eine große Herausforderung dar. Ich hatte ja gedacht, Stillen sei ein biologischer Naturalismus – woraufhin mich die Göttinnen freundlich daran erinnerten, dass sowas so gut wie nicht existiert im (Gender)-Universum.

Nächtelang hab ich dann immer wieder (buchstäblich) stunden und Stunden versucht, das Kind anzulegen, während es meine Brüste anschrie, als wollte ich ihm etwas antun. Ich muss zugeben, dass mir dieser Prozess sehr mitgespielt hat. Ich war der festen Überzeugung, dass mein Kind mich gerade zurückwies und ich alles falsch machte. (Keine Ahnung, ob die Hormone, die Erwartungen – meine und die meiner Umwelt -, oder die Müdigkeit dafür verantwortlich waren; die “weiblichen Hormone” werden mir allzu oft in solchen Fällen als Erklärung herangezogen, was doch eigentlich nur einen vermeintlich ausgeglichenen männlichen Hormonhaushalt normalisiert).

Jedenfalls haben wir es hingekriegt, das Kind und ich. Er trinkt jeden Tag ein bisschen besser an der Brust, und ich bin glücklich und erleichtert, weil ich ja das Beste für ihn will: Und Stillen, wie immer wieder verlautet wird, ist ja das Beste.

Aber als mit heute eine Krankenschwester zu meinem Durchhaltevermögen gratulierte, konnte ich nicht anders als zu denken: “Juhu! Genug Durchhaltevermögen um sich sechs Monate selbst und freiwillig zuhause einzusperren“. Und wenn mein geliebter Lebensabschnittsgefährte, bis über beide Ohren verknallt in das kleine Wesen, meint, dass das Kind den dauernden Kontakt zur Haut der Mutter und die Brust am besten viel länger als sechs Monate bräuchte, und sich dann aufmacht in die Partynacht mit seinen Kumpels, dann denk ich dass es doch sehr einfach ist, von der Gefangenschaft der anderen zu reden, während man die eigene Freiheit genießt.

(Es gibt hier in Brasilien den Ausdruck des „pai besta“, des „dämlichen Vaters“, der mir hierzu grade in den Sinn kommt: Dieser tut alles für sein Kind und ist ganz verzückt von ihm, und hat dafür ein dickes Lob verdient. Den Ausdruck „mãe besta” hingegen gibt’s hingegen nicht, warum wohl?!)

Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich denke auch, dass Stillen eine tolle Sache für so ein Kind zu Anfang seines Lebens ist, ich weiß dass es billiger als industrielle Milch ist, dass es die Verbindung zwischen Mutter und Kind stärkt, und so weiter. Meine Mutter hat mir sogar einen Text aus einem Ernährungsberater mit folgendem Titel geschickt: „Karriere und sozialer Aufstieg – Gestillte Säuglinge haben offenbar bessere Chancen“ (?? Ich muss ja sagen dass es mir persönlich wichtiger erscheint, dass ich, die Mutter so eine gewisse soziale Stabilität erreiche, aber bitteschön…) ABER, und es ist dieses Argument dass in vielen Diskussionen zum Thema fehlt, stillen beeinflusst nicht wenig den Alltag einer Frau* die Mutter wird, und kann auch, wenn sie sich in einer Mutter-Vater-Kind Konstellation befindet, stark die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie beeinflussen. (Dieses Post geht von meiner eigenen Erfahrung aus, und im Moment lebe ich eine heteronormative Situation – aber natürlich müsste eine umfassende Diskussion des Themas andere Lebensrealitäten mitdenken; von Alleinerziehenden, gleichgeschlechtlichen Eltern, usw.)

Ich hab letztens einen interessanten Text eines feministischen Vaters gelesen (http://fuckermothers.wordpress.com/2013/03/22/5050-bedeutet-nicht-die-auflosung-aller-ungerechtigkeiten/), der die Möglichkeiten/Schwierigkeiten einer 50/50-Aufteilung der Care-Aufgaben zwischen Mann* und Frau* nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes diskutierte – was sich unter Umständen leichter in Deutschland als in Brasilien tun lässt, wo Männer vor nicht all zu langer Zeit das Recht auf einige Monate Elternzeit errungen haben (und nicht, weil in Deutschland alles ach so rosig aussieht, im Gegenteil! Aber, zum Vergleich, mein Partner hatte hier in Brasilien Recht auf ganze 5 (fünf!) Tage Vaterschaftsurlaub). Das Post dieses Vaters handelte vom Stillen. Das zentrale Argument, wie ich es verstanden habe, war dass Männer* und Frauen* nicht von der selben Ausgangsposition starten, wenn das Stillen nicht zunächst kritisch diskutiert wird. Männer* haben, in vielen Fällen, keine Brüste, aber wenn sie zwei Hände haben, und die finanzielle Situation es zulässt industrialisierte Säuglingsnahrung zu kaufen, sind sie vollkommen in der Lage, ein Neugeborenes zu ernähren. Wenn dies von vorneherein keine Option ist, ist die Möglichkeit, dass eine Frau*, die in der Lage ist zu stillen, ihr Leben im öffentlichen Raum genauso weiter lebt, wie sie es (angenommen) vorher getan hat, empfindlich geringer als die Chance, dass der Mann* dieses tun kann – jedenfalls in der Welt, in der wir heute leben. Die Möglichkeit, dass der Mann* sich entscheidet zu Hause zu bleiben ist wesentlich grösser als die Möglichkeit, dass die Frau* sich entscheidet, nicht zu Hause zu bleiben. Ich fühle diese Dynamik in mir… Ich fühle wie die Naturalisierung des Stillens, neben anderen Faktoren, die innerhalb des Patriachats „normale“ Aufgabenverteilung naturalisiert: der Mann* dort draussen, die Frau* hier drinnen. Die Mutter, die sich kümmert erfüllt ihre „natürliche“ Rolle, der Vater gilt gleich als hypersensibel und verdient Respekt.

Und jetzt? Ist jetzt aufhören zu Stillen die einzige Option? Ich glaube es gibt noch andere, und das die Beziehungen zwischen Müttern, Vätern und Kindern und ihre jeweiligen Rollen auf andere Art und Weise konstruiert werden können, auch wenn Frau* stillt. Wir müssen anerkennen, dass wir als Mütter und Väter meist aus unterschiedlichen Ausgangssituationen starten, aber beide das Recht haben, das Leben da draussen zu geniessen, zu arbeiten… Letztendlich wird das Stillen erst in einer patriachalen Gesellschaft zum Problem, die das Private zum natürlichen Raum der Frau* erklärt und Care-Work als ihre natürliche Aufgabe definiert – für umme, ohne Anerkennung.

Deswegen müssen wir soziale Strukturen schaffen, die Teilhabe für alle ermöglichen, unabhängig von gender oder Familienstituation: deswegen müssen wir an der Aufgabenverteilung in der Gesellschaft drehen und an den Bildern in den Medien arbeiten, für Kitas und freie, gute Bildung kämpfen, den ausufernden Regeln des zeitgenössischen Kapitalismus etwas entgegensetzen, etc. Wenn es denn so wichtig ist, dass Frauen* stillen, wo ist dann das Unterstützungsnetz (für mich und meinen Partner, der auch unter der Situation leidet), wo waren die notwendigen Informationen während der Wochen, in denen mein Kind nicht an der Brust trinken wollte??

Wir müssen aber auch über das Patriachat in uns selbst sprechen, über Verhaltensweisen und Ansichten, die das Patriachat beeinflusst hat. Wir müssen uns bewusst sien, dass es weder normal, noch natürlich, noch das automatisch Beste für alle (auch nicht für das Kind!) ist, wenn die Frau* die Teilhabe am öffentlichen Leben opfert und sich mehr auf den häuslichen Raum begrenzt. Die subtilen Mechanismen, die  diese Teilung legitimieren, sind zahlreich: Von den schnellen „ich bin mal kurz weg“ des Kerls, bis hin zu der Tatsache, dass ich (die Frau) schon sehr daran gewöhnt bin mit dem Kind alleine zu sein, während das für denVater noch Neuland ist, etc.

Ich merke, wie diese Mechanismen auch in mir wirken – wenn ich mich schlecht fühle, weil ich ihn schon wieder daran erinnere, das Bad zu putzen oder Klamotten in die Maschine zu schmeissen – dann sind schliesslich Kleinigkeiten und mensch muss ja deswegen nicht gleich zickig werden, oder?; wenn Stillen in der Öffentlichkeit mich nervös macht und Überwindung kostet; oder wenn ich mich schlecht fühle, während ich dieses Post schreibe, während ich eigentlich schon wieder stillen müsste – das Kind nimmt doch so schlecht zu…

Aber ich versuche, die Mechanismen zu entlarven. Ohne mit dem Stillen aufzuhören. Kämpfend und balancierend.

Advertisements
This entry was posted in deutsch, Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s